Nur eine Mahlzeit am Tag

Pastor Moise Oubda ist Senior-Pastor der Gemeinde der „Assemblées de Dieu“(Englisch „Assemblies of God“) in Burkina Fasos zweitgrößten Stadt Bobo Dioulasso mit 300 Mitgliedern und über 30 Tochtergemeinden. Kinderhilfe Westafrika sprach mit ihm über die aktuelle Hungersnot:

Kinderhilfe Westafrika: Wie ist die aktuelle Situation?
Moise Oubda: Die Lebensmittel haben sich stark verteuert. 100 Kilogramm Mais kosten normalerweise 20 Euro, jetzt muss das Doppelte gezahlt werden. Bei Monatseinkommen von 50 bis 100 Euro können sich viele Familien das nicht mehr leisten. In unserer Gemeinde und den dazugehörigen Tochtergemeinden müssen rund 300 Familien täglich auf mindestens eine Mahlzeit verzichten. Für viele heißt das: nur noch eine Mahlzeit am Tag.

Kinderhilfe Westafrika: Was tut die Regierung, um die Situation zu verbessern?
Moise Oubda: In den Städten gibt es gelegentlich Mais aus Regierungsbeständen zu vergünstigten Preisen. Das ist jedoch sehr selten, wird aber medienwirksam im Fernsehen vermarktet. Den Politikern ist ihr Ansehen mehr wert, als wirklich Hilfe zu leisten. Die Landbevölkerung kann von diesem Angebot zum Beispiel überhaupt nicht profitieren. Wie sollen die Menschen einen 100 Kilogramm schweren Maissack über 20 oder 50 Kilometer ohne Hilfsmittel in ihr Dorf transportieren?

Kinderhilfe Westafrika: Wie viele Menschen sind aktuell von Hunger in der Region um Bobo Dioulasso betroffen?
Moise Oubda: Rund 80 Prozent der Menschen sind betroffen. Zu unserer Gemeinde gehören 95 Außenstellen auf dem Land mit 70 Pastoren und ihren Familien. Diese Gemeinden haben jeweils rund 100 Mitglieder. Dazu kommen 250 Pastoren anderer Gemeinden. Es geht also in meinem Verantwortungsbereich um rund 10.000 Menschen.

Kinderhilfe Westafrika: Was sind die Gründe für den starken Preisanstieg der Lebensmittel?
Moise Oubda: Es gibt acht handfeste Gründe, die dazu führen. Erstens: Die Übernahme der Macht durch Islamisten im Norden Malis.. Burkina Faso muss deshalb viele Flüchtlinge aufnehmen, die natürlich Lebensmittel auf dem regionalen Markt einkaufen und damit das Angebot verknappen. Zweitens der anhaltende Krieg in der Elfenbeinküste. Über dieses Land laufen viele Handelswege. Ein weiterer Grund für den Preisanstieg liegt im Nachbarland Niger. Dort gibt es Bodenschätze und die Einkommen sind höher. Viele Bauern verkaufen daher ihren Mais lieber in Niger, weil sie dort mehr dafür bekommen. Im Norden von Burkina Faso kämpfen die Bauern außerdem mit starkem Insektenbefall durch Pygmäen-Maulwurfsgrillen, die alles kahl fressen. Geld für Schädlingsbekämpfungsmittel hat hier niemand. Ein weiterer Grund ist der lange Zeit ausgebliebene Regen. Die Regenzeit setzte erst sehr spät ein, darauf reagieren die Preise sofort. Zu nennen wären auch noch die vielen Hühnerfarmen, die in letzter Zeit entstanden sind. Mit Eiern und Hühnerfleisch lassen sich gute Geschäfte machen. Die Hühner werden mit Mais ernährt, der dann auf dem Markt für die Ernährung der Menschen fehlt. Die instabile politische Situation in unserem Land hat ebenfalls zur negativen Wirtschaftsentwicklung beigetragen. Ein dauerhaftes Problem ist außerdem das Fehlen von effektiven Produktionsmethoden. Die Menschen pflanzen und ernten hier wie bei euch im Mittelalter. Deshalb sind die Erträge sehr gering.

Kinderhilfe Westafrika: Unser Verein hat auf Grund einer Spendensammlung im August 2012 den Betrag von 9.000 Euro überwiesen. Wie vielen Menschen kann damit geholfen werden?
Moise Oubda: Wir haben uns sehr darüber gefreut. Es ist für viele Menschen hier nicht nur Nahrung, sondern auch ein Zeichen, dass Gott sie nicht vergessen hat. Leider reicht der Betrag nur für rund 25 Prozent unserer Pastoren und ihrer Gemeinden. Für mich und meine Frau ist die Auswahl dann sehr schwer.

Kinderhilfe Westafrika: Was müsste getan werden, um solchen Situationen der Lebensmittelverteuerung vorzubeugen?
Moise Oubda: Ich würde gerne ein Depot anlegen. Wir kaufen den Mais und Reis in Zeiten der niedrigen Preise. Bei euch macht man das im Sommer mit dem Heizöl für den Winter. Wir können die Lebensmittel dann in Zeiten der Teuerung für Bedürftige weiterhin zu niedrigen Preisen anbieten. Von den Einnahmen können wir dann im darauffolgenden Jahr wieder die gleiche Menge als Vorrat einkaufen. Mit dieser Variante könnten wir langfristig das Problem der Verteuerung für unsere Gemeinden lösen.

Kinderhilfe Westafrika: Wie viel Geld ist nötig, um ein solches Depot einzurichten?
Moise Oubda: Wir bräuchten ca 500 Säcke. Der Preis beträgt bei günstigem Einkauf rund 10.000 Euro.

Kinderhilfe Westafrika: Werden die Lebensmittel nur an Christen ausgeben?
Moise Oubda: Wer zu uns kommt, dem werden wir nach unseren Möglichkeiten helfen. Niemand wird nur auf Grund seines Glaubens abgewiesen. Wir haben bereits sehr gute Kontakte zu moslemischen Familien. Und natürlich gab es auf Grund eurer Spenden und unserer Verteilung schon zahlreiche Bekehrungen. Bei jeder Verteilung sprechen wir zu den Menschen und sagen ihnen, woher die Gaben kommen. Viele Menschen nehmen mit offenem Herzen auf, dass Gott sie beschenkt.

Das Gespräch führte Clemens Hirschwald/Dresden